Baum-Massaker Lichtenberg: Protest gegen Kahlschlag im Joachimsthaler Carrée
Im Joachimsthaler Carrée in Berlin-Hohenschönhausen droht ein Baum-Massaker in Lichtenberg: Für ein Neubauprojekt der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Howoge sollen rund 50 Bäume in einem großen Innenhof gefällt und eine gewachsene Hof-Idylle zerstört werden. Die etwa 1000 Anwohnenden im Karree Joachimsthaler Straße/Plauener Straße sind entsetzt und wehren sich seit Jahren gegen diese Planung.
Der Innenhof gilt als grüne Oase im Hochhausmeer: Über 60 Bäume, ein Mietergarten, ein Spielplatz und vielfältige Lebensräume für Vögel, Eichhörnchen, Igel und Insekten prägen das Gebiet. Nun sollen dort zwei fünfgeschossige Neubauten mit insgesamt rund 105 Wohnungen entstehen, wofür große Teile des Bestandsgrüns geopfert würden.
Was im Joachimsthaler Carrée konkret geplant ist
- Zwei fünfgeschossige Wohnblöcke mitten in den bisherigen Innenhof.
- Fällung von etwa 50 Bäumen, obwohl es insgesamt über 60 Bäume im Hof gibt.
- Zerstörung eines von Mieterinnen und Mietern gepflegten Gartens sowie des bestehenden Spielplatzes.
- Neubau von etwa 105 Wohnungen durch die landeseigene Howoge, unterstützt durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
Nach Angaben der Howoge soll das Bauprojekt „naturnah“ umgesetzt werden, unter anderem mit begrünten Dächern, Regenwasserflächen, Blühhecken und schattenspendenden Aufenthaltsbereichen. Aus Sicht der Anwohnenden handelt es sich dennoch um einen massiven Verlust gewachsener Stadtnatur, der durch punktuelle Ausgleichsmaßnahmen nicht kompensiert werden kann.
Baum-Massaker Lichtenberg: Zeitplan und rechtlicher Rahmen
Die Howoge kündigte an, die Baumfällungen im Zeitraum vom 26. Januar bis zum 27. Februar durchzuführen. Damit nutzt sie das Zeitfenster kurz vor Beginn der bundesweiten Schutzfrist nach dem Bundesnaturschutzgesetz, die vom 1. März bis 30. September gilt.
Nach § 39 Bundesnaturschutzgesetz ist es in diesem Zeitraum grundsätzlich verboten, Bäume, Hecken und Gehölze außerhalb von Wäldern und gärtnerisch genutzten Flächen zu fällen oder stark zurückzuschneiden, um brütende Vögel und andere wildlebende Tiere zu schützen. Genau deshalb sollen im Joachimsthaler Carrée nun „schnell Fakten geschaffen“ werden, bevor diese Frist greift.
Der Baubeginn für die Wohnblöcke ist nach derzeitigem Stand für das Frühjahr 2026 geplant, die Fertigstellung wird Anfang 2028 anvisiert.
Argumente der Anwohnenden gegen das Baum-Massaker Lichtenberg
Die Mieterinnen und Mieter kritisieren vor allem drei Punkte:
- Verlust eines einzigartigen Naturraums
Die Hof-Idylle ist so groß wie ein Fußballfeld und im dichten Hochhausbestand des Quartiers nahezu einmalig. Sie bietet Schatten, bessere Luftqualität, Lärmschutz und einen wichtigen sozialen Begegnungsraum im Kiez. - Zerstörung von Lebensräumen für Tiere
Nach Angaben der Mieterschaft ist der Innenhof ein wichtiger Lebensraum für Vögel, Eichhörnchen, Igel und zahlreiche Insekten. Mit der Fällung der Bäume würden diese Lebensräume weitgehend vernichtet, obwohl Stadtnatur eine zentrale Rolle für die Biodiversität in Berlin spielt. - Fehlende Abwägung zwischen Wohnraumbedarf und Naturschutz
Die Mieterinnen und Mieter betonen, dass sie nicht grundsätzlich gegen sozialen Wohnungsbau sind, aber einen sensiblen Umgang mit bestehenden Grünflächen einfordern. Sie kritisieren, dass die Neubauplanung den Wert des gewachsenen Innenhofs für Klima, Artenvielfalt und Nachbarschaft nicht ausreichend berücksichtigt.
Mietersprecherin Regine Mahnke, 70, bringt es auf den Punkt: Man kämpfe seit über vier Jahren gegen die Bebauung und sei nicht gegen neue Wohnungen, aber gegen die Vernichtung „eines Stücks wertvoller Natur“.
Aktiver Widerstand gegen das Baum-Massaker Lichtenberg
Die Anwohnenden haben sich im Laufe der letzten Jahre gut organisiert:
- Einschalten von Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern.
- Eingaben und Anfragen an das Bezirksamt.
- Protestnoten und Öffentlichkeitsarbeit.
- Eigene Informationsseite zum Joachimsthaler Carrée, auf der Hintergründe und Positionen der Mieterschaft dokumentiert werden.
Als die Howoge über Aushänge in den Hausfluren die bevorstehenden Baumfällungen ankündigte, löste dies erneut große Empörung aus. Die Betroffenen empfinden die Vorgehensweise als Versuch, vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor rechtliche oder politische Einwände noch Wirkung entfalten können.
Wie die Howoge das Baum-Massaker Lichtenberg begründet
Die Howoge verweist einerseits auf den dringenden Bedarf an zusätzlichem Wohnraum in Berlin und insbesondere auf die Schaffung bezahlbarer Wohnungen. Andererseits stellt sie in Aussicht, das Projekt „naturnah“ zu gestalten, etwa durch:
- begrünte Dächer
- Regenwasserflächen
- Blühhecken
- schattenspendende Aufenthaltsbereiche
Aus Sicht vieler Umweltinitiativen und Nachbarschaftsgruppen ersetzt eine solche technische oder neu angelegte Begrünung jedoch nicht den Verlust eines bestehenden, über Jahrzehnte gewachsenen Baumbestands. Vergleichbare Konflikte zwischen Wohnungsbau und Stadtnatur sind auch in anderen Berliner Bezirken wie Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln zu beobachten.
Warum das Baum-Massaker Lichtenberg ein Stadtnatur-Thema ist
Der Fall Joachimsthaler Carrée steht exemplarisch für den Umgang mit Stadtnatur in Berlin:
- Innenhöfe mit älteren Bäumen wirken wie kleine Kaltluftinseln und tragen zur Abkühlung in Hitzeperioden bei.
- Große Bäume speichern Kohlenstoff, filtern Feinstaub und verbessern die Luftqualität messbar.
- Grünflächen im direkten Wohnumfeld haben nachweislich positive Effekte auf Gesundheit, Wohlbefinden und soziale Kontakte.
Gerade in dicht bebauten Quartieren ist der Erhalt solcher Flächen von zentraler Bedeutung für Klimaanpassung, Artenschutz und Lebensqualität. Vor diesem Hintergrund erscheint ein großflächiger Kahlschlag im Namen des Wohnungsbaus besonders problematisch, wenn Alternativen wie andere Standorte, Nachverdichtung mit weniger Eingriff oder städtebauliche Wettbewerbe nicht ernsthaft geprüft wirken.
Was Anwohnende und Initiativen jetzt tun können
Auch wenn die Planungen bereits weit fortgeschritten sind, gibt es Handlungsmöglichkeiten:
- Öffentlichkeit herstellen: Medienberichte, Social Media, Kiezveranstaltungen und Informationsflyer erhöhen den politischen Druck und machen das Baum-Massaker Lichtenberg berlinweit sichtbar.
- Rechtliche Schritte prüfen: Überprüfen, ob artenschutzrechtliche Gutachten aktuell und vollständig sind und ob alle naturschutzrechtlichen Vorgaben tatsächlich eingehalten werden.
- Politische Verantwortung adressieren: Kontakt zu Bezirksverordneten, Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und zuständigen Senatorinnen und Senatoren, um Nachverhandlungen zum Projekt einzufordern.
- Vernetzung mit anderen Initiativen: Austausch mit Stadtnatur- und Mieterinitiativen in anderen Bezirken, um Erfahrungen zu teilen und gemeinsame Forderungen zu formulieren.
Baum-Massaker Lichtenberg und die Rolle von BBNS
Als Berliner Bürgernetzwerk Stadtnatur dokumentiert BBNS solche Fälle, in denen Stadtnatur in bestehenden Wohnquartieren unter Druck gerät, und bietet Betroffenen eine Plattform, ihre Perspektive darzustellen. Beispiele aus anderen Kiezen zeigen, dass engagierte Nachbarschaften Bebauungspläne zumindest verändern oder verschieben konnten, wenn Alternativen sichtbar wurden.
Ziel ist nicht, Wohnungsbau pauschal zu blockieren, sondern die grundlegende Frage zu stellen, wie eine sozial-ökologische Stadtentwicklung aussehen kann, die sowohl den Bedarf an Wohnungen als auch den Schutz gewachsener Grünräume ernst nimmt. Das Baum-Massaker Lichtenberg macht deutlich, wie dringend diese Debatte in Berlin geführt werden muss.
Quellen:
- Montag startet Baum-Massaker, Howoge zerstört Idylle in … https://www.berliner-kurier.de/berlin/montag-startet-baum-massaker-howoge-zerstoert-idylle-in-lichtenberg-li.10015726
- Bundesnaturschutzgesetz § 39 – Allgemeiner Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/__39.html
- Senatsverwaltung Berlin – Stadtbäume und Klimaanpassung – Unterbereich Stadtgrün/Stadtbäume https://www.berlin.de
- Informationen zur Stadtnatur in Berlin bei der Deutschen Umwelthilfe https://www.duh.de/themen/natur-biodiversitaet/stadtnatur/
- Mieterinitiative-Joachimsthaler-Carrée https://joachimsthaler-carree.de/