Nachverdichtung Howoge: Konflikt um grüne Innenhöfe, Bäume und bezahlbaren Wohnraum in Berlin

09. Februar 2026 13:06

Nachverdichtungen bei der Howoge

Nachverdichtung Howoge: Was der rbb-Beitrag zeigt

Nachverdichtung Howoge – dieser Begriff steht exemplarisch für den aktuellen Stadtentwicklungskurs in Berlin, bei dem bestehende Quartiere dichter bebaut und grüne Innenhöfe geopfert werden sollen. Im rbb-Abendschaubeitrag zur Nachverdichtung der Howoge wird deutlich, wie unversöhnlich die Positionen von landeseigener Wohnungsbaugesellschaft und Anwohnerinitiativen inzwischen aufeinanderprallen.

HOWOGE-Chef Ulrich Schiller präsentiert das Quartier am Rathauspark an der Frankfurter Allee als positives Beispiel gelungener Nachverdichtung: rund 387 Wohnungen, Büroturm, Kita, Gewerbe und ein kleiner Innenpark mit Spielplatz. Nach der Fertigstellung, so Schiller, würden Kritik und Protest der Anwohner meist abebben – ein wiederkehrendes Argument, mit dem die Howoge die Sorgen von Mieterinnen und Mietern relativiert.

Ganz anders klingt es im Joachimsthaler Carree in Alt-Hohenschönhausen, das ebenfalls im Beitrag thematisiert wird: Dort soll die Nachverdichtung Howoge mehr als 100 neue Wohnungen in einen bislang offenen, grünen Innenhof pressen. Anwohnerinnen und Anwohner berichten, dass ihr Kiez ursprünglich in den 1970er-Jahren mit den Leitbildern „Licht, Luft, Grün“ geplant wurde – und dass genau diese Qualitäten nun schrittweise verloren gehen.

Nachverdichtung Howoge im Rathauspark-Quartier

Die Nachverdichtung Howoge am Rathauspark in Lichtenberg dient im rbb-Beitrag als Musterbeispiel dafür, wie die Gesellschaft ihre Neubauprojekte öffentlich darstellt. Auf dem Areal an Frankfurter Allee und Möllendorffstraße entstanden in den vergangenen Jahren hunderte Wohnungen, ergänzt um Büro- und Gewerbeflächen, Kitas und einen neu gestalteten Platz.

Laut Projektbeschreibungen wurden im Quartier am Rathauspark einige Grünflächen, Spielplätze und Bestandsbäume in die Planung integriert. Offiziell entsteht so ein „grüner Ort“ mit Aufenthaltsqualität, an dem neue Bäume, Freiflächen und eine verkehrsberuhigte Gestaltung für Ausgleich sorgen sollen. Doch auch hier gilt: Die Fläche war zuvor weniger dicht bebaut und wies mehr unversiegelte Bereiche auf – ein Fakt, der in Hochglanzbroschüren kaum vorkommt.

Im rbb-Beitrag betont Ulrich Schiller, dass nach Abschluss solcher Projekte die Kritik aus der Nachbarschaft in der Regel abnimmt. Aus Sicht von Initiativen und Umweltverbänden spiegelt diese Argumentation vor allem die Perspektive der Baugesellschaft wider und blendet aus, dass mit jeder Nachverdichtung Howoge auch unwiederbringliche Grünstrukturen verschwinden.

Nachverdichtung Howoge im Joachimsthaler Carree: Grüner Innenhof unter Druck

Besonders brisant ist die Nachverdichtung Howoge im Joachimsthaler Carree in Alt-Hohenschönhausen. Dort plant die landeseigene Gesellschaft den Bau von rund 105 neuen Wohnungen im Innenhof einer bestehenden fünfgeschossigen Plattenbausiedlung – aus Sicht der Anwohner bedeutet das den Verlust eines wertvollen grünen Rückzugsraums.

Mieterinitiative und Bezirksamt warnen vor einer spürbaren Verschlechterung der Wohnqualität: Die Nachverdichtung Howoge werde zu Hitzestau im Sommer, weniger Luftzirkulation, mehr Versiegelung und dem Verlust von Mietergärten führen. Gerade in Großsiedlungen, die ohnehin wenig hochwertiges Stadtgrün besitzen, sind solche Innenhöfe zentrale Orte für Erholung, Begegnung und Stadtnatur.

Im rbb-Beitrag kritisieren Anwohner, dass die 1970er-Jahre-Planung bewusst mit viel Grün, Licht und Luft gearbeitet habe, um gesunde Wohnverhältnisse zu sichern. Mit der Nachverdichtung Howoge droht dieses städtebauliche Grundprinzip ausgehöhlt zu werden: Wo bisher Bäume, Wiesen und offene Flächen kühlen, sollen künftig Beton, Tiefgarage und zusätzliche Gebäude stehen.

Scheinbare Beteiligung: Wie Anwohner die Verfahren erleben

Offiziell gehört zur Nachverdichtung Howoge stets eine „Nachbarschaftsbeteiligung“, in der Pläne vorgestellt und Anregungen aufgenommen werden sollen. In der Praxis fühlen sich viele Betroffene jedoch vor vollendete Tatsachen gestellt. Auch im rbb-Beitrag schildern Mitglieder der Initiative im Joachimsthaler Carree, dass es weniger um echte Mitsprache als um die Abfrage von Details gegangen sei.

Statt der grundsätzlichen Frage „Bebauung ja oder nein?“ sei bei den Veranstaltungen über die Lage von Fahrradabstellplätzen oder kleinen Gestaltungsdetails gesprochen worden. Aus Sicht der Initiative reduziert sich die Beteiligung damit auf kosmetische Änderungen, während die zentrale Entscheidung – die Nachverdichtung Howoge im Innenhof – längst gefallen ist.

Die Howoge verweist dagegen auf standardisierte Verfahren und betont, dass auch neue Grünflächen, Pflanzungen und Mietergärten vorgesehen seien. Doch zahlreiche Beispiele aus Berlin zeigen, dass neu angelegte Ersatzgrünflächen weder den ökologischen Wert gewachsener Bäume noch die Klimafunktion großer, zusammenhängender Rasenflächen ersetzen können.

Politischer Druck: Mehr Wohnungen, weniger Grün?

Die Nachverdichtung Howoge ist eingebettet in einen massiven politischen Druck, möglichst schnell möglichst viele bezahlbare Wohnungen auf landeseigenen oder öffentlichen Flächen zu bauen. Neubau auf teuren, privaten Grundstücken gilt als schwer finanzierbar, weshalb Innenhöfe, Sportflächen, Schulhöfe und andere offene Räume zunehmend ins Visier geraten.

Im rbb-Beitrag wird dieser Druck offen angesprochen: Ohne Nachverdichtung Howoge und vergleichbarer Gesellschaften werde es kaum gelingen, die wohnungspolitischen Ziele des Landes Berlin zu erreichen. Gleichzeitig verweist die Initiativseite darauf, dass sämtliche heutigen Bestandsquartiere ebenfalls einmal Neubauten auf vormals grünen Flächen waren – ein Argument, das von der Howoge genutzt wird, um aktuelle Eingriffe zu relativieren.

Aus Sicht von Umwelt- und Stadtentwicklungsinitiativen ist diese Gegenüberstellung verkürzt: In Zeiten der Klimakrise haben Bäume, unversiegelte Böden und Frischluftschneisen eine andere, deutlich höhere Relevanz als in den 1960er- oder 1970er-Jahren. Die Nachverdichtung Howoge wird so zum Prüfstein dafür, ob Berlin seine Klimaanpassungsziele ernst nimmt – oder kurzfristigen Wohnungszahlen Vorrang gibt.

Nachverdichtung Howoge und Klimaanpassung: Hitze, Luft, Wasser

Die ökologischen Folgen der Nachverdichtung Howoge sind bereits heute in vielen Stadtquartieren spürbar. Versiegelte Flächen heizen sich im Sommer stark auf, speichern die Hitze und verhindern, dass Regenwasser in den Boden eindringen kann. Bäume werden gefällt, obwohl sie Schatten spenden, die Luft filtern und die Umgebung durch Verdunstung kühlen.

Im Joachimsthaler Carree befürchten Anwohner nicht nur den Verlust ihrer grünen Oase, sondern auch eine deutlich stärkere Aufheizung des Innenhofs. Schon jetzt zählen dicht bebaute Großsiedlungen zu den Hitzeschwerpunkten der Stadt – zusätzliche Gebäude ohne ausreichend große, zusammenhängende Grünflächen verstärken dieses Problem.

Fachbehörden und Umweltverbände weisen seit Jahren darauf hin, dass Stadtbäume und entsiegelte Flächen zentrale Bausteine der Klimaanpassung sind. Die Senatsverwaltung etwa hebt die Bedeutung von Stadtbäumen für Temperaturausgleich, Luftqualität und Wohlbefinden hervor, während die Deutsche Umwelthilfe auf die Rolle von Stadtnatur für Artenvielfalt und Gesundheit aufmerksam macht. Vor diesem Hintergrund wirkt die Nachverdichtung Howoge in sensiblen Innenhöfen wie ein Rückschritt in alte Planungskonzepte.

Nachverdichtung Howoge: Alternativen und Forderungen

Kritik an der Nachverdichtung Howoge bedeutet nicht, den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu leugnen. Viele Initiativen fordern stattdessen eine andere Prioritätensetzung: bevor Innenhöfe, Schulhöfe und Sportwiesen bebaut werden, sollen brachliegende Gewerbeflächen, versiegelte Parkplatzwüsten und überdimensionierte Straßenräume umgenutzt werden.

Auch eine konsequent gemeinwohlorientierte Bodenpolitik würde dazu beitragen, Flächen zu sichern, ohne Grünräume zu opfern. Einige Bezirke, etwa Lichtenberg, haben sich bereits kritisch gegen die Nachverdichtung Howoge im Joachimsthaler Carree positioniert und weisen auf die Grenzen der Belastbarkeit ihrer Quartiere hin.

Das Berliner Bündnis Nachhaltige Stadtentwicklung (BBNS) und zahlreiche Bürger:innen-Initiativen fordern daher, Nachverdichtung grundsätzlich dort zu stoppen, wo sie Klimaresilienz, Gesundheit und Aufenthaltsqualität irreversibel verschlechtert. Statt „Grün gegen Wohnen“ auszuspielen, müsse Berlin neue Instrumente entwickeln, die sowohl Wohnraum als auch Stadtnatur sichern.

Zum RBB – Beitrag: https://www.rbb-online.de/abendschau/videos/20260207_1930/Nachverdichtung_Howoge.html

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